Bruttomarge

Die Bruttomarge, engl. Gross Margin, ist eine wichtige Kennzahl bei der Bewertung von Startup-Unternehmen.

Die Idee dahinter: Startups mit einer hohen Bruttomarge werden bei anhaltendem Wachstum irgendwann profitabel werden, da die Bruttoerträge proportional mit den Umsätzen steigen, die Kosten für das Marketing und die Verwaltung aber eher konstant bleiben. Letztere verbrauchen also mit fortschreitendem Wachstum einen immer geringeren Teil der Umsätze.

Die Bruttomarge gibt an, welcher Anteil des Umsatzes nach Abzug der Herstellungskosten eines Produktes übrig bleibt:

Bruttomarge = (Umsatz – Herstellungskosten) / Umsatz

Bruttoertrag = Umsatz - Herstellungskosten
Bruttoertrag = Umsatz – Herstellungskosten

Zu den Herstellungskosten zählen:

  • Kosten für die benötigten Rohstoffe und Vorprodukte
  • Betriebskosten der Produktionsstätten, dazu zählen auch Abschreibungen von Investitionsgütern wie Maschinen und Computer
  • Personalkosten für die beteiligten Arbeitskräfte.

In die Herstellungskosten fließen folgende Kosten nicht ein:

  • Marketing und Vertrieb
  • Allgemeine Verwaltung des Unternehmens, insbesondere Personalkosten für nicht an der Produktion beteiligte Arbeitskräfte
  • Kapitalkosten (Zinszahlungen)
  • Steuern

Bei Software-Unternehmen werden die Herstellungskosten durch die Personalkosten der Software-Entwickler dominiert.

Die Bruttomarge ist bei jungen Software-Unternehmen deshalb so interessant, weil sie eine der wenigen aussagekräftigen Kennzahlen für die Profitabilität des Unternehmens ist. Denn aufgrund der hohen Wachstumsinvestitionen sind alle Gewinnkennzahlen, die die Kosten für Marketing, Vertrieb und Verwaltung berücksichtigen, sehr gering oder sogar negativ. Dadurch schwanken diese prozentual sehr stark. Darüber hinaus ist deren Aussagekraft auch deshalb begrenzt, weil die Nicht-Herstellungskosten typischerweise viel langsamer als die Umsätze steigen und daher mit der Zeit immer mehr an Bedeutung verlieren. Die Herstellungskosten wachsen dagegen in etwa proportional zum Umsatz, so dass sich die Bruttomarge über einen langen Zeitraum hinweg nur wenig ändert und insbesondere schon im frühen Stadium eines Wachstumsunternehmens eine wichtige Aussagekraft hat. Die folgende Grafik verdeutlich dies:

Herstellungskosten und operativer Gewinn bei steigendem Umsatz
Herstellungskosten und operativer Gewinn bei steigendem Umsatz

Die Bruttomarge liegt im Beispiel bei konstant 75%, da die Herstellungskosten 25% betragen.

Der operative Gewinn ist anfangs 0 (kein grüner Bereich im ersten Balkendiagramm). Aufgrund der unterproportional steigenden sonstigen Kosten (in der Grafik orange, konstant 75€) erscheint bei steigendem Umsatz plötzlich ein signifikanter Gewinn (grün, 75 / 200 = 37,5%), der sich im weiteren Verlauf überproportional erhöht (150 / 300 = 50%). Bei einem Umsatz von 3000€ wären es dann 750€ Herstellungskosten, 75€ sonstige Kosten und 2175€ operativer Gewinn, das entspräche einer Gewinnmarge von 72,5%. Die Gewinnmarge nähert sich mit steigendem Umsatz also immer mehr der Bruttomarge an!

Erfahrungsgemäß erreicht die Gewinnmarge jedoch auch bei „erwachsenen“ Unternehmen nicht die Bruttomarge. Bei großen Software-Unternehmen wie Facebook und Alphabet liegt die Netto-Gewinnmarge immer noch 30-40% unter der Bruttomarge. Diesen Wert kann man als groben Schätzwert verwenden, um die zukünftige Gewinnmarge abzuschätzen:

Merke: Als grober Schätzwert für die spätere Gewinnmarge kann bei Software-Unternehmen „Bruttomarge – 35%“ dienen.

Nun sind wir in der Lage, auf Basis des Enterprise Values, des Umsatzes und der Bruttomarge eine aussagekräftige Kennzahl für Software-Startups zu errechnen, die analog dem Kurs-Gewinn-Verhältnis bei „erwachsenen Unternehmen“ gesehen werden kann: das Quasi-KGV.

Enterprise Value / Sales

Das Enterprise Value / Sales Verhältnis ist eine zentrale Kennzahl bei der Bewertung von Startups. Da diese Unternehmen wegen der hohen Wachstumsinvestitionen und des hohen Anteils der Verwaltungskosten typischerweise noch keine oder sehr geringe Gewinne schreiben, macht es wenig Sinn, die Bewertung auf Basis der aktuellen Gewinne aufzubauen.

Aussagekräftiger ist stattdessen der Umsatz je Aktie, der z.B. ins Verhältnis zum Aktienkurs gesetzt werden kann. Man erhält so das Kurs-Umsatz-Verhältnis KUV:

KUV = Kurs / Umsatz_je_Aktie = Kurs x Zahl_der_Aktien / (Umsatz_je_Aktie x Zahl_der_Aktien) = Marktwert / Umsatz

Nun ist aber das Problem am Aktienkurs, dass darin auch die Schulden und Bankguthaben des Unternehmens enthalten sind. Das bedeutet, dass man als Aktionär eben nicht nur die zukünftigen Umsätze des Unternehmens kauft, sondern auch die bisher angehäuften Schulden und Bankguthaben. Daher sollte man bei der Bewertung von Unternehmen den Aktienkurs um Schulden und Guthaben bereinigen, was uns zum Enterprise Value bringt. Diesen setzt man dann ins Verhältnis zum Umsatz (engl. „Sales“):

Enterprise Value / Sales = (Marktwert + Schulden – Guthaben) / Umsatz

Damit haben wir eine relative Kennzahl, die bereits eine grobe Aussage darüber macht, ob das Unternehmen eher hoch oder niedrig bewertet ist. Noch nicht berücksichtigt ist bisher jedoch eine Einschätzung darüber, welche Gewinne zukünftig aus den Umsätzen erwartet werden können. Das bringt uns zur Bruttomarge.

Enterprise Value

Der Enterprise Value ist ein zentraler Begriff bei der Bewertung von Unternehmen. Denn das Problem am Marktwert besteht darin, dass darin auch die Schulden und Bankguthaben des Unternehmens enthalten sind. Das bedeutet, dass man als Aktionär eben nicht nur die Umsätze und Gewinne des Unternehmens kauft, sondern auch die bisher angehäuften Schulden und Bankguthaben. Folgende Grafik verdeutlich den Zusammenhang zwischen Enterprise Value, Guthaben, Schulden und Marktwert:

Berechnung des Marktwerts aus EV, Guthaben und Schulden
Berechnung des Marktwerts aus EV, Guthaben und Schulden

Um also aus dem Enterprise Value den Marktwert zu errechnen, addiert man das Guthaben und zieht die Schulden ab. Umgekehrt erhält man den Enterprise Value, indem man zum Marktwert die Schulden addiert und das Guthaben abzieht. Der Marktwert ist einfach der Börsenwert, d.h. die Zahl der Aktien mal Aktienkurs.

Merke: Enterprise Value = Marktwert + Schulden – Guthaben

Je nachdem, wie hoch also Schulden und Guthaben eines Unternehmens sind, kann der Enterprise Value, der dem Wert der zukünftigen Umsätze und Gewinne entspricht, erheblich vom aktuellen Marktwert abweichen. Das wird bei der Bewertung oft ignoriert! So gibt es viele Unternehmen der „Old Economy“, die hoch verschuldet und daher an der Börse scheinbar günstig bewertet sind, wenn man die Bewertung z.B. am Kurs-Umsatz-Verhältnis festmacht. Addiert man zum Marktwert jedoch die Schulden, so erhält man einen hohen Enterprise Value, so dass das Enterprise Value / Umsatz Verhältnis nicht mehr so günstig ist.

Umgekehrt sitzen junge Unternehmen, die sich erst vor kurzem viel Kapital durch den Börsengang beschafft haben, oft auf hohen Bankguthaben. Die Berechnung des Enterprise Value bleibt die gleiche, die Größenverhältnisse können sich dadurch aber stark verschieben:

Typische Größenverhältnisse bei Startups
Typische Größenverhältnisse bei Startups

Ein hoher Marktwert entpuppt sich dadurch bei genauerer Betrachtung als relativ geringer Enterprise Value d.h. die künftigen Umsätze des Startups werden nicht so hoch bewertet, wie der Marktwert zunächst vermuten ließ. Das ist einer der Gründe, warum manche Anleger den Kopf schütteln über vermeintlich hohe Bewertungen von „gehypeten“ Wachstumsunternehmen, die aber in Wirklichkeit gar nicht so teuer sind, wie sie zunächst erscheinen.

Merke: Die Wahrheit steckt im Enterprise Value, nicht im Marktwert.

Weiter zum Enterprise Value / Sales.

Crowdstrike

Crowdstrike ist im Bereich Cybersecurity (IT-Sicherheit) tätig. Cybersecurity ist zur Zeit in aller Munde und das zurecht. Die Vernetzung der Welt, die Mitte der 90er Jahre in großem Stil begann, hat sich unaufhaltsam fortgesetzt. Mittlerweile ist nichts und niemand mehr ausschließlich offline. Praktisch jedes Unternehmen und jeder Mensch der Welt hat eine Email-Adresse, eine Website und eine Facebook-Seite. Jeder kauft und verkauft online. Und Dank des Smartphones werden diese Online-Dienste inzwischen auch praktisch ununterbrochen genutzt. Nicht mal der eigene Urlaub führt hier zu einer Pause.

Die weltweite Vernetzung hat damit einen fast allumfassenden räumlichen und zeitlichen Grad erreicht. Und ist auch längst zum Hotspot von Wettbewerb und sogar Kriegsführung geworden. Es wird professionell spioniert, überwacht und manipuliert, und das bei weitem nicht hauptsächlich von nerdigen Amateur-Hackern, sondern vor allem von Unternehmen und Staaten. Wer dabei an zwielichtige Akteure aus Schurkenstaaten gedacht hat, wurde durch die aufschlussreichen Enthüllungen von Edward Snowden eines Besseren (bzw. Schlechteren) belehrt: Es sind nicht nur China, Russland, Iran und Nordkorea, sondern auch die USA, Großbritannien und viele weitere.

Security-Engineering zeichnet als zentralen Ansatz aus: Alles, was nicht explizit abgesichert ist, stellt eine Schwachstelle dar. Und jede Schwachstelle wird irgendwann ausgenutzt. Die Haltung „da kommt doch niemand drauf“ oder „wer sollte daran ein Interesse haben“ ist unzulässig. Für jede Schwäche wird sich irgendwann ein Interessent finden, der sie ausnutzt. Das ist das einzige, was sicher ist.

Dieser schwierigen Bedrohungslage spielt der Trend zum räumlich und zeitlich entkoppelten arbeiten und konsumieren zusätzlich in die Hände. Wir wollen nicht nur von 1 Ort aus zu festgelegter Zeit an 1 andere Stelle des Internet schauen, sondern immer von überall nach überall. Absicherungen des Datenverkehrs im globalen Internet können daher nicht (mehr) durch zeitliche oder räumliche Restriktionen erfolgen. Dass Herr Müller im Jahre 1990 mit seinem Festnetzanschluss zeitgleich mehrere Gespräche führt, wäre technisch gar nicht möglich gewesen. Dass er als Privatmann bei zig verschiedenen Unternehmen Waren bestellt, zumindest ungewöhnlich. Dass dies auch noch in und aus dem Ausland erfolgt, fast schon verdächtig.

Heute surfen wir mit so großer Selbstverständlichkeit sekündlich durch die globale Informations- und Warenwelt, dass es aufgrund der Vielfalt und der Menge an Kontaktpunkten nicht mehr möglich ist, manuell einzelne Vorgänge nachzuvollziehen, um etwaige Sicherheitsprobleme zu analysieren. Es ist völlig klar, dass mit der exponentiellen Zunahme des Datenverkehrs nur noch vollautomatische Lösungen eine Chance haben, die damit einhergehenden Bedrohungen einigermaßen im Schach zu halten.

Was macht Crowdstrike?

Moderne Sicherheitslösungen müssen alle oben genannten Herausforderungen meistern. Aufgrund der angesprochenen völligen räumlichen und zeitlich Entkopplung reichen klassische Lösungen wie lokal installierte Firewalls und Antivirenprogramme nicht mehr aus. Crowdstrike bietet mit seiner Falcon Plattform „Cloud Endpoint Security“, was man als Cloud-native Version der althergebrachten Antivirenprogramme bezeichnen kann.

Das Management

Gründer und CEO ist George Kurtz, der auf Glassdoor mit hervorragenden 93% Zustimmung seiner Mitarbeiter glänzen kann. Vor der Gründung von Crowdstrike im Jahr 2012 war er 4 Jahre bei McAfee beschäftigt, davon die letzten 2 als Chief Technology Officer.

Die Kunden

Ende Q1 2020 hatte Crowdstrike 6300 Abo-Kunden. Pro Quartal kommen zur Zeit ca. 850 hinzu, was zuletzt fast einer Verdopplung im Jahresvergleich entsprach.

Die Konkurrenz

Es gibt inzwischen unzählige Unternehmen, die in irgendeiner Form IT-Sicherheitslösungen anbieten. Als Konkurrenten kann man diese jedoch erst dann bezeichnen, wenn sie zumindest theoretische Alternativen zur Software von Crowdstrike anbieten, d.h. Cloud-Lösungen im Bereich Endpoint Protection.

Die Alteingesessenen, die gerade von Crowdstrike disrupted werden, sind die klassischen Antiviren-Programme wie Symantec Endpoint Protection, McAfee MVISION EDR oder Cisco AMP for Endpoints. Auch Palo Alto Networks bieten mit Cortex XDR eine Software für Endpoint Security an. Alle diese Lösungen sind zwar Cloud-fähig, aber nicht Cloud-native, d.h. für die Cloud angepasste Alt-Lösungen. An Palo Alto gefällt mir zudem nicht, dass es sich um zusammengekaufte Einzellösungen handelt, die nicht wirklich zu einer Gesamtlösung integriert wurden.

Wer es etwas genauer wissen will, kann z.B. hier nachlesen.

Das Geschäftsmodell

Crowdstrike vertreibt seine Software inzwischen fast ausschließlich im Abo-Modell, d.h. die jährlichen Umsätze sind in der Regel wiederkehrend. Aufgrund der essentiellen Bedeutung von IT-Security halte ich diese Umsätze für sehr schwankungsarm, denn ohne Endpoint Security dazustehen, ist für Unternehmen keine Option. Solange es keinen konkreten Grund gibt, Crowdstrike den Rücken zu kehren zugunsten eines Wettbewerbers, werden die Kunden die regelmäßigen Zahlungen aufbringen. Ein nicht zyklisches Geschäftsmodell.

Die Zahlen

EV / Sales 12M: 21 Jahre
Erwartetes Umsatzwachstum: 62%
Bruttomarge: 77%
Quasi-KGV: 51 Jahre
Quasi-PEG: 0,8
Free Cash Flow Marge 2019: 3%
Efficiency Score 2020: 64%
Current Assets / Current Liabs: >2
Eigenkapitalquote: 57%

Die Bewertung

Crowdstrike wirtschaftet aufgrund der hohen Wachstumsinvestitionen noch defizitär und sollte daher als Startup (nicht profitables Wachstumsunternehmen) bewertet werden.

Unter Berücksichtigung aller Bewertungskriterien liegt Crowdstrike’s Lion Folio Enterprise Score bei 3,7 von 5 Sternen.

Mein Fazit

Mit Crowdstrike pokert man zur Zeit hoch, aber nicht ohne Fundament: Ein sehr hohes EV / Sales von 21 Jahren trifft auf ein atemberaubendes Wachstum von erwarteten 62%. Zusammen mit der ebenfalls starken Bruttomarge von 77% führt das zu einem Quasi-PEG von 0,8. D.h. solange das Wachstum sich wie erwartet fortsetzt, ist Crowdstrike sogar günstig bewertet. Der Efficiency Score ist mit 64% herausragend gut.

Angesichts des stetig wachsenden Marktes und der führenden Marktposition sehe ich Crowdstrike aktuell als eines der 3 attraktivsten Investments im Bereich IT-Sicherheit.

Crowdstrike ist daher fester Bestandteil im wikifolio Wachstumsstarke Disruptoren.

Biogen

Biogen ist eines der wenigen großen US-Biotech Unternehmen. Während mich in den meisten Fällen die Größe eines Unternehmens nur sehr untergeordnet interessiert, ist dies im Bereich Biotech anders. Denn die Biotechnologie ist – noch mehr als die Pharma-Industrie – grundsätzlich eine recht spekulative Angelegenheit. Bis zur Markteinführung eines Medikamentes fallen durchschnittlich 800 Mio $ an Entwicklungskosten an. Darüber hinaus sind die Methoden, mit denen nach neuen Medikamenten geforscht wird, noch recht wenig erprobt und bergen daher ein hohes Risiko zu scheitern. Wenn ein Medikament dann in einer späten Phase der Entwicklung floppt, ist sehr viel Geld verloren… Daher gibt es aus meiner Sicht 3 Möglichkeiten, einigermaßen risikoarm in die Biotechnologie zu investieren: entweder über einen breitgestreuten ETF wie den iShares NASDAQ US Biotechnology UCITS USD ACC, oder über die Schweizer Beteiligungsgesellschaft BB Biotech, oder über eine überschaubare Anzahl an großen Biotech-Unternehmen. Bei letzteren ist die Streuung über verschiedene Medikamente dann aufgrund der breiten Pipeline innerhalb des Unternehmens gegeben.

Was macht Biogen?

Biogen hat sich auf die Entwicklung von Medikamenten gegen neurologische Krankheiten spezialisiert. Dazu zählen so bekannte und weit verbreitete wie Alzheimer und Multiple Sklerose. Sein Blockbuster ist mit 39% Umsatzanteil Tecfidera gegen Multiple Sklerose. Dahinter folgen Interferon mit 19%, Tysabri mit 17% und Spinraza mit 16%.

Das Management

CEO ist seit 2016 Michel Vounatsos. Von den Mitarbeitern wird er auf Glassdoor leider nur zu 64% positiv bewertet, das ist ein echtes Manko.

Die Kunden

Die Kunden sind bei Pharma- und Biotech-Unternehmen sehr einfach zu identifizieren: es sind letztlich die Endkunden und damit die Patienten. Formal könnte man die Krankenkassen als Kunden bezeichnen, jedoch sind diese letztlich nur Intermediäre, die die Medikamente von den Beiträgen der Versicherten bezahlen.

Für uns Investoren ist das sehr positiv, denn damit ist die Kundenbreite sehr hoch. Es gibt kein Klumpenrisiko mit Großabnehmern, sondern die Medikamente werden überall dort verkauft, wo sie zur Heilung von Krankheiten eingesetzt werden können.

Die Konkurrenz

Die größten Konkurrenten in der Biotech-Branche sind Amgen, Gilead, Illumina, Regeneron, Vertex und Bristol-Myers Squibb mit Marktwerten ab 50 Mrd €. Kleinere Biotech-Akteure mit Marktwerten um die 20 Mrd € sind Alexion, Biomarin und Incyte, weniger als 10 Mrd € bringen Ionis und Morphosys auf die Waage.

Amgen ist noch größer und breiter aufgestellt als Biogen und bedient im Wesentlichen die 5 Bereiche Herz-Kreislauf, Onkologie, Entzündungen, Knochen und Nieren.

Gilead bespielt wie Amgen die 3 Bereiche Herz-Kreislauf, Onkologie und Entzündungen, darüber hinaus den Schwerpunkt Viruserkrankungen. Hier gelangten sie mit dem Antiviren-Medikament Remdesivir im Rahmen der Corona-Pandemie zu größerer Bekanntheit. Blockbuster sind aber die Medikamente gegen HIV und Hepatitis C, die zwei am weitesten verbreiteten schweren Virus-Infektionen, gegen die noch kein Impfstoff gefunden wurde.

Bristol-Myers Squibb teilt sich mit Amgen und Gilead die Bereiche Herz-Kreislauf und Onkologie. Alleinstellungsmerkmale stellen dagegen die Bereiche Immunologie und fibrotische Erkrankungen dar.

Insgesamt sieht man, dass Biogen im Bereich Neurologie ziemlich allein auf weiter Flur ist. Das ist eine sehr gute Nachricht, denn wenig Konkurrenz bedeutet hohe Margen. Dahingegen werden die Bereiche Herz-Kreislauf und Onkologie von jeweils 3 Wettbewerbern abgedeckt, Entzündungen von 2.

 BiogenAmgenBristol-Myers SquibbGilead
Neurologie281
Knochen2
Nieren1
Entzündungen1213
Onkologie251919
Herz-Kreislauf66
fibrotisch46
Hämatologie26
Immunologie12
Virologie10

Man kann sicherlich kritisieren, dass Biogen von den genannten Wettbewerbern am wenigsten über verschiedene Bereiche der Medizin diversifiziert ist. Man sollte dabei aber bedenken, dass Biogen durch die Fokussierung auf die Neurologie in diesem Bereich eine sehr starke Marktposition besitzt.

Morningstar bescheinigt Biogen dementsprechend einen breiten ökonomischen Burggraben, was bedeutet, dass sie von einer marktführenden Position in den nächsten 20 Jahren ausgehen. Der Burggraben begründet sich m.E. durch die gehaltenen Patente der Blockbuster-Medikamente, Forschungs- und Entwicklungskapazitäten (Labore & Expertise der Mitarbeiter) und die breite Pipeline von in der Entwicklung befindlichen Medikamenten. All das kann von neuen Wettbewerbern nur sehr langfristig unter hohen Kosten und Mühen aufgebaut werden.

Das Geschäftsmodell

Dreh- und Angelpunkt bei Biotech-Firmen ist immer die Pipeline, d.h. die Schar an Medikamenten-Kandidaten, die sich gerade in der Neuentwicklung befinden und dabei verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen. Es gibt viele Marktbeobachter, die regelmäßig die Pipelines der Biotech- und Pharmafirmen analysieren und versuchen einzuschätzen, wie die Erfolgsaussichten der einzelnen Medikamente aussehen.

Ich muss eingestehen, dass mir die Expertise fehlt, um solche Einschätzungen vornehmen zu können. Und ich habe den Eindruck, dass es auch dem Gros der Marktbeobachter nicht gelingt, bessere Verhersagen als das Unternehmen selbst zu generieren. Daher versuche ich mich erst gar nicht an dieser Übung. Wichtig ist mir jedoch, dass die Pipeline breit aufgestellt ist, so dass einzelne überraschende Fehlschläge von Medikamenten sich nicht allzu stark auf das gesamte Unternehmen auswirken und ggf. durch überraschende Erfolge ausgeglichen werden können. Bei Biogen ist das mit 28 Kandidaten der Fall. Dass diese sich auf den Bereich Neurologie fokussieren, ist zwar ein Nachteil in Sachen Diversifikation, dieser wird aber durch den geringen Wettbewerb in diesem Bereich m.E. überkompensiert.

Insbesondere sollten ausreichend viele Neuentwicklungen zu den Zeitpunkten zur Verfügung stehen, zu denen die Patente von den bisherigen Umsatzbringern auslaufen.

Die Zahlen

EV / Gewinne 2020: 8 Jahre
Erwartetes durchschnittliches Gewinnwachstum: 11%
PEG: 0,8
Gewinnmarge 2019: 41%
Free Cash Flow Marge 2019: 45%
Efficiency Score 2020: 43%
Current Assets / Current Liabs: 1,8
Eigenkapitalquote: 49%

Bewertung

Bei großen Unternehmen wie Biogen steht nicht mehr das Wachstum im Vordergrund, sondern die Profitabilität. Diese ist bei Biogen mit 41% Gewinnmarge und 45% Free Cash Flow Marge außergewöhnlich hoch. Dennoch würde ich Biogen als profitables Wachstumsunternehmen bewerten, da die jährlichen Gewinne doch einen deutlichen Aufwärtstrend zeigen, auch wenn dieser keine konstante Wachstumsrate aufweist.

Die durchschnittliche Gewinn-Wachstumsrate zwischen 2015 und 2020 beträgt knapp 11%. Diese würde ich durchaus in die Zukunft extrapolieren. Das daraus berechnete PEG beträgt nur 0,8 und ist somit für ein Unternehmen mit breitem Burggraben außergewöhnlich günstig.

Unter Berücksichtigung aller Bewertungskriterien beträgt Biogen’s Lion Folio Enterprise Score 4,0 von 5 Sternen. Ein sehr gutes Ergebnis, das vor allem durch den breiten Burggraben und die günstige Bewertung begründet ist. Abzüge gibt es nur aufgrund der unterdurchschnittlichen Bewertung des CEO durch die Mitarbeiter.

Biogen ist aufgrund dieser Eigenschaften im wikifolio Margenstarke Platzhirsche enthalten.