Die Mutter aller Aktienstrategien

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Den – zugegeben – recht reißerischen und reichlich unbescheidenen Titel zu diesem Artikel könnte man bescheidener auch so formulieren. Dennoch ist auch die unbescheidene Version mit Bedacht gewählt. Denn in der hoffnungslosen Unübersichtlichkeit von wahrscheinlich Millionen von Büchern und Artikeln zum Thema, wie man sein Geld anlegen sollte und welche Strategien besser abschneiden als der Markt, bietet dieser Artikel eine Basis, ohne die man ansonsten verloren wäre. Warum, das erfährst Du in den nächsten Absätzen.

Ich beginne mit dem einzigen, was wirklich belastbar ist, und das ist die Wissenschaft. Wir können heute zum Mars fliegen, in Sekundenbruchteilen Informationen aus der ganzen Welt abrufen und Krankheiten heilen, an denen Menschen in früheren Generationen noch gestorben sind. All das ist nur möglich durch die moderne Wissenschaft, die Methoden entwickelt hat, um Erkenntnisse zu erlangen, die wirklich wahr sind – und nicht nur häufig wiederholte Meinungen, die aber dennoch falsch sein können.

Dabei kann eine wahre Erkenntnis auch darin bestehen, dass man etwas nicht weiß. Diese Erkenntnis ist oft noch viel schwieriger zu akzeptieren, weil die menschliche Psyche einen enormen Drang dazu hat, in alles und jedem Muster zu erkennen und Erklärungen zu finden. Dass etwas mit dem aktuellen Wissen nicht erklärt, geschweige denn vorausgesagt werden kann, ist für den Menschen sehr schwer zu akzeptieren. Viele reagieren darauf mit religiösen Behauptungen oder sonstigen abstrusen Ideen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Einfach weil es so unerträglich ist zu akzeptieren, dass man etwas nicht versteht.

In seinem auch für Nicht-Wissenschaftler verständlichen Buch „Genial einfach investieren“ fasst Prof. Dr. Martin Weber die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen zusammen. Eine zentrale Aussage findet sich auf Seite 208:

Es fehlt uns an historischen Daten, um eine Dominanz der Aktienanlage
für langfristig agierende Investoren zu beweisen. Die Statistiker wissen
es: Man benötigt mindestens 25 unabhängige Beobachtungen, um
verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Die geballte Information eines Jahrhunderts liefert uns aber nur vier 25-Jahres-Zeiträume, die sich
nicht überlappen und deshalb unabhängig voneinander sind. Um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten, reichen 100 Jahre bei weitem nicht
aus. Es sind vielmehr mindestens 25 x 25 = 625 Jahre notwendig.

Um die doppelte Bedeutung der Zahl 25 in dieser Betrachtung zu vermeiden, wandeln wir die Fragestellung leicht ab zu:

Was wäre eine ideale Aktienstrategie für einen Zeitraum von 40 Jahren?

Denn 40 Jahre sind der typische Zeitraum für eine Lebensarbeitszeit, in der Geld gespart und angelegt werden kann. Weber sagt nun, dass man dazu einen Forschungszeitraum von 25 x 40 Jahren = 1000 Jahren benötigt, um zu wissenschaftlich belastbaren Ergebnissen zu kommen. 1000 Jahre historische Daten zum Aktienmarkt gibt es jedoch nicht, die von Weber erwähnten 625 Jahre für die 25-Jahres-Zeiträume auch nicht. Daher ist es aktuell nicht möglich, eine wissenschaftlich fundierte Aussage zu dieser Frage zu finden!

Diese Erkenntnis hat weitreichende Auswirkungen. Denn sie ermöglicht erst den ganzen unüberschaubaren Wildwuchs an Strategien und Empfehlungen, wie man sich am besten am Aktienmarkt positionieren sollte. Denn wenn es keine wissenschaftliche Antwort gibt, muss man sich notgedrungen auf seinen Instinkt, Daumenregeln oder auch wissenschaftliche Teilergebnisse verlassen. Das ist der einerseits frustrierende, aber natürlich auch spannende Grund, warum aktuell niemand am Aktienmarkt über eine absolute Wahrheit verfügt. Frustrierend, weil jeder Versuch, aus den zu geringen Daten doch noch wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Denn solche Aussagen können immer nur unter dem Vorbehalt „sofern die zu geringen Daten zufällig doch ausreichend sein sollten“ getätigt werden. Man kann aus diesem aber eben keine belastbaren Prognosen für die Zukunft treffen.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Vom US-Aktienmarkt liegen detaillierte Daten sei 1870 vor. Das sind immerhin 150 Jahre. Auf Basis dieser Daten kann man verschiedene Aktien-Strategien prüfen, in der Art: „Welche Rendite hätte jemand erzielt, der in diesem Markt 150 Jahre lang Strategie XY verfolgt hätte?“ Das nennt man Backtesting. Solchen Arten von Analysen wurden natürlich bereits in Unmengen getätigt. Das Ergebnis sind dann wissenschaftlich korrekte Aussagen wie „Mit der Strategie XY hätte ein Anleger in diesen 150 Jahren 8% Rendite pro Jahr erzielt“. Das ist schön. Aber für die Zukunft leider wertlos, denn die Betonung liegt auf „diesen 150 Jahren„, also von 1870 bis 2020. Von 1880 bis 2030 kann etwas ganz anderes gelten, und von 2020 bis 2170 erst recht.

Weiter veranschaulichen kann man sich das Problem, wenn man sich die Zinsentwicklung seit 2008 anschaut. Eine solche Phase der massiven Zinssenkungen bis in den negativen Bereich, der nun auch schon mehrere Jahre andauert, hat es in den 140 Jahren vorher nicht gegeben. Damit wird es leicht verständlich, warum die 140 Jahre wenig Aussagekraft für die Zukunft haben: wir haben einfach noch nicht alle Marktsituationen gesehen, geschweige denn mit ausreichender Häufigkeit, um daraus statistisch belastbare Aussagen tätigen zu können.

Fazit: Es bleibt spannend! Da keine wissenschaftlichen Endergebnisse vorliegen, kann niemand sagen, welche Aktienstrategie mit welcher Wahrscheinlichkeit in Zukunft zum besten Ergebnis führt. Erst recht nicht kann das Verhalten der Aktienmärkte für die nächsten Jahre konkret prognostiziert werden. Es kann buchstäblich alles passieren. Oder um es in Abwandlung des Sokrates zugeschriebenen Zitats zu sagen:

Wir wissen, dass wir nichts wissen.

Wer von diesem Ergebnis enttäuscht ist, hat immerhin die Möglichkeit, sich auf die Suche nach zumindest einleuchtenden, plausiblen Aktienstrategien zu machen.

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