Ausblick der Wachstumsstarken Disruptoren auf 2021

Zum Jahresende möchte ich einen kurzen Ausblick der Wachstumsstarken Disruptoren auf 2021 geben. Die deutliche Schwerpunktsetzung auf amerikanische Cloud-Unternehmen hat im abgelaufenen Jahr maßgeblich zur erfreulichen Bilanz von 36% beigetragen. Insbesondere meine Entscheidung im März / April, nicht auf die am stärksten gefallenen Unternehmen zu setzen, sondern auf die Corona-Gewinner, hat sich als goldrichtig herausgestellt. Dass es eine solche Rallye geben würde, habe ich freilich nicht erwartet. Fast alle Corona-Gewinner sind weit über ihre operativen Erfolge hinaus gestiegen. Offensichtlich wollten im Jahresverlauf immer mehr Marktteilnehmer die „sicheren Häfen“ anlaufen, bei denen man sich bei jeder neuen Corona-Hiobsbotschaft keine Sorgen machen muss. Aber eben gerade dann, wenn alle auf die gleichen Pferde setzen, sollte man sich die größten Sorgen machen. Genau das habe ich in den letzten Monaten getan, indem ich die teuersten Unternehmen gemäß meinem LionFolio Enterprise Score sukzessive reduziert habe. 

Aktuell habe ich mit CrowdStrike nur noch 1 Unternehmen mit mehr als 2% gewichtet, das mit einem Forward EV / Sales von 36 als sehr teuer angesehen werden kann. Dieses ist angesichts von über 80% Wachstum und fast 30% FCF-Marge aber auch das einzige, das einen solchen Preis rechtfertigt. Das nächste „teure“ Unternehmen (ebenfalls Forward EV / Sales = 36) ist The Trade Desk mit nur noch 1,5% Gewichtung. Okta, Zoom und Zscaler fallen ebenfalls in diese Kategorie. Zusammen kommen die sehr teuren Unternehmen (ohne Crowdstrike) damit auf eine Depot-Gewichtung von 5%. Sollte der Herdentrieb diese Unternehmen weiter nach oben treiben bzw. sollte ich das Wachstum dieser Unternehmen unterschätzt haben, profitiert das wikifolio weiterhin. Sollte sich allerdings eine gesunde Kurs-Halbierung einstellen, ist das Risiko auf 2,5%-Punkte begrenzt. 

Schwerpunktmäßig ist das wikifolio nun aber in aus meiner Sicht unterschätzte Wachstumsunternehmen investiert. Die größte Position Nutanix halte ich für maßlos unterbewertet, was höchstwahrscheinlich durch die fehlende Sichtbarkeit des tatsächlichen Wachstums begründet ist. Genau das ändert sich aber gerade, so dass ich mir für 2021 sehr viel erhoffe. Die fast lächerliche Bewertung mit einem Forward EV / Sales von 3,3 (kein Kommafehler) bei einem Cloud-Unternehmen mit 30% Wachstum schreit einfach nach einer Kursverdopplung. Mindestens. 

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei PureStorage, wobei hier die Unterbewertung nicht so stark ausgeprägt ist und auch mehr von der Zukunftsfantasie mit PortWorx lebt. Ein höheres EV / Sales erwarte ich hier aufgrund des steigenden Software-Anteils an den Umsätzen. 

Bei Salesforce setze ich darauf, dass der unnötige Kursrückgang aufgrund der Slack-Übernahme mindestens wieder aufgeholt wird, spätestens wenn sich die Slack-Umsätze in den Quartalsergebnissen widerspiegeln. 

Etsy sehe ich als fair bewertete E-Commerce Plattform, die sich als neuer großer Anbieter neben Amazon und Shopify etablieren dürfte. Während Shopify aber schon bei über 110 Mrd $ Enterprise Value angekommen ist, gibt es Etsy noch für weniger als ein Fünftel. Da dürfte noch viel Luft nach oben sein.

Alteryx hat unter Corona deutlich gelitten und stellt sich daher als günstige, antizyklische Investition dar. Zu einem Forward EV / Sales von 11 gab es Alteryx lange nicht mehr.

Bei Teladoc setze ich zum einen auf den Megatrend E-Health, der m.E. nicht auf die Corona-Phase beschränkt sein wird. Auch in Zukunft werden Patienten, die nicht unbedingt einen Arzt persönlich treffen müssen, zu digitalen Angeboten drängen, um unnötige Fahrt- und Wartezeiten zu vermeiden. Für Ärzte besteht weiterhin die Motivation, Patienten mit ansteckenden Krankheiten möglichst selten in der Praxis zu haben.
Zudem hat Teladoc mit Livongo einen Anbieter von Diabetes-Tracking übernommen. Da es sich (leider) um eine chronische und stark zunehmende Zivilisationskrankheit handelt, ist Livongo als Dauerbrenner mit Wachstumspotential zu sehen. 

Bei Hellofresh setze ich nicht darauf, dass die neuen Corona-Kunden ihre Abos nicht kündigen werden. Die Management-Guidance, in 2021 um mindestens 20% wachsen zu wollen, wohl auch nicht, denn das wäre natürlich naiv. Aber für Hellofresh gibt es weitere Wachstumsoptionen, einmal für neue Kunden, die das Angebot bisher noch nicht kennen, und vor allem durch neue Märkte, denn bisher ist man ja nur in den USA und Deutschland nennenswert aktiv. Dieses Wachstum ist zugegeben etwas spekulativerer Art, aber angesichts eines EV / Sales von nur 2,2 hat der Markt dieses Potential auch noch nicht eingepreist. 

Die Erwartung bei Twitter ist, dass die Monetarisierung in Verbindung mit den vielen in 2020 neu gewonnenen mDAUs zu einem Umsatzsprung in 2021 führen wird. Ein guter Teil davon ist seit meinem Einstieg bei 26€ inzwischen eingepreist, aber solange sich die Plattform weiterhin so großer Beliebtheit erfreut, gibt es m.E. keinen Grund, die Position zu stark zu reduzieren. 

Opera konnte seine Erwartungen bisher nicht wirklich erfüllen, ich setze für 2021 mit der noch übrigen Position auf ein antizyklisches Wiederaufblühen mit der Überwindung von Corona. Zudem hege ich die Hoffnung, dass mit der Neusortierung des Geschäftsmodells etwas mehr Ruhe einkehrt und die Jahresergebnisse besser vergleichbar werden. 

Fabasoft dürfte weiter wachsen und brummen, diesem noch recht kleinen Unternehmen sollte man einfach die Zeit geben, sich Jahr für Jahr weiterzuentwickeln, so dass es irgendwann auch in den Fokus größerer Anleger und Indizes gerät. Bisher erfährt man über die Investor Relations noch recht selten Neuigkeiten, weshalb man noch nicht unbedingt Anleger’s Liebling ist. Aber solange der operative Erfolg anhält, wird sich das immer mehr verbessern. Und an der Börse zählt ja nicht der Status, sondern die Veränderung in die richtige Richtung. 

Amazon ist immer noch fair bewertet, sollte es zur Abspaltung von AWS kommen, wäre das auch aus Investorensicht positiv. Davon abgesehen braucht man Amazon einfach als Lebensversicherung im Depot, falls sie mal wieder ein anderes Unternehmen disrupten, das man hält. In diesem wikifolio ist Amazon Wettbewerber von Etsy und ggf. HelloFresh und TelaDoc. Allerdings sind diese 3 selbst Disruptoren und keine Offline-Legacy-Unternehmen, die Amazon einfach durch irgendein Online-Angebot verdrängen könnte.

Aumann’s fairen Wert sehe ich weiterhin bei 24€, daher gebe ich meine überschaubare Position nicht her, solange der Kurs sich diesem Wert nicht merklich angenähert hat. Der Strukturwandel war auch für Aumann hart, gerade kürzlich hat man nochmal 20% Mitarbeiter abgebaut, aber der E-Mobility-Bereich ist stark und dürfte 2021 wieder für viel Zuversicht sorgen. 

Bei Yext setze ich ähnlich wie bei Alteryx auf eine antizyklische Corona-Erholung

MBB hat 2020 schon viel Unterbewertung abgebaut, aber 2021 steht – wahrscheinlich – das IPO der Tocher Vorwerk an. Ich habe schon NAV-Berechnungen von über 160€ gesehen, hier werde ich mit meiner kleinen Position einfach abwarten, was der Markt noch hergibt. 

Mit iRobot setze ich auf den Megatrend SmartHome, darüber hinaus auf die neuen Produktionskapazitäten in Malaysia, die 2021 – endlich – fertiggestellt werden sollen und dann dabei helfen werden, die hohen China-Zölle zu umgehen. Auf günstigere China-Zölle kann man auch mit Joe Biden erstmal nicht hoffen, aber vielleicht kommt es hier aufgrund der diplomatischeren Politik doch noch zu besseren Marktbedingungen für iRobot. 

Docusign hat sich 2020 toll entwickelt und ich habe gemäß Enterprise Score reduziert. Die Geschäfte laufen wie am Schnürchen und ich lasse sie natürlich unbehelligt weiterlaufen, denn niemand hat die Absicht, zum Papierkrieg zurückzukehren…

Mit BioNTech (mRNA-Technologie) und Varta (Batterien E-Mobilität) habe ich zwei noch eher spekulative, aber nicht unbegründete Zukunftsbringer im Portfolio. In den nächsten Wochen könnten noch weitere Kandidaten aus dieser Kategorie hinzukommen…

Soweit mein Portfolio für das kommende Jahr. Damit bin ich denke ich ebenso chancenreich wie risikoarm aufgestellt. Hoffen wir, dass die Rechnung aufgeht!

Regenbogen

Ideale Aktien-Strategien

Ideale Aktien-Strategien finden zu wollen gleicht dem Versuch, den Regenbogen zu fassen bekommen zu wollen. Denn immer wenn man glaubt, die ideale Strategie gefunden zu haben, ist sie schon nicht mehr ideal – der Markt hat seine Spielregeln geändert, der Regenbogen ist weitergezogen.

In der hoffnungslosen Unübersichtlichkeit von wahrscheinlich Millionen von Büchern und Artikeln zum Thema, wie man sein Geld am besten anlegen sollte und was ideale Aktien-Strategien sein könnten, bietet dieser Artikel eine Basis, ohne die man ansonsten verloren wäre. Warum, das erfährst Du in den nächsten Absätzen.

Die Wissenschaft hat festgestellt…

Ich beginne mit dem einzigen, was wirklich belastbar ist, und das ist die Wissenschaft. Wir können heute zum Mars fliegen, in Sekundenbruchteilen Informationen aus der ganzen Welt abrufen und Krankheiten heilen, an denen Menschen in früheren Generationen noch gestorben sind. All das ist nur möglich durch die moderne Wissenschaft, die Methoden entwickelt hat, um Erkenntnisse zu erlangen, die wirklich wahr sind – und nicht nur häufig wiederholte Meinungen, die aber dennoch falsch sein können.

Dabei kann eine wahre Erkenntnis auch darin bestehen, dass man etwas nicht weiß. Diese Erkenntnis ist oft noch viel schwieriger zu akzeptieren, weil die menschliche Psyche einen enormen Drang dazu hat, in alles und jedem Muster zu erkennen und Erklärungen zu finden. Dass etwas mit dem aktuellen Wissen nicht erklärt, geschweige denn vorausgesagt werden kann, ist für den Menschen sehr schwer zu akzeptieren. Manche reagieren darauf mit religiösen Überzeugungen oder sonstigen abstrusen Ideen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Einfach weil es so unerträglich ist zu akzeptieren, dass man etwas nicht versteht.

… dass Statistik manchmal nichts erhellt

In seinem auch für Nicht-Wissenschaftler verständlichen Buch „Genial einfach investieren“ fasst Prof. Dr. Martin Weber die Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen zusammen. Eine zentrale Aussage findet sich auf Seite 208:

Es fehlt uns an historischen Daten, um eine Dominanz der Aktienanlage
für langfristig agierende Investoren zu beweisen. Die Statistiker wissen
es: Man benötigt mindestens 25 unabhängige Beobachtungen, um
verlässliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Die geballte Information eines Jahrhunderts liefert uns aber nur vier 25-Jahres-Zeiträume, die sich
nicht überlappen und deshalb unabhängig voneinander sind. Um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten, reichen 100 Jahre bei weitem nicht
aus. Es sind vielmehr mindestens 25 x 25 = 625 Jahre notwendig.

Um die doppelte Bedeutung der Zahl 25 in dieser Betrachtung zu vermeiden, wandeln wir die Fragestellung leicht ab zu:

Was wären ideale Aktien-Strategien für einen Zeitraum von 20 Jahren?

20 Jahre sind ein typischer Zeitraum, den Anleger oft im Blick haben. Weber sagt nun, dass man dazu einen Forschungszeitraum von 25 x 20 Jahren = 500 Jahren benötigt, um zu wissenschaftlich belastbaren Ergebnissen zu kommen. 500 Jahre historische Daten zum Aktienmarkt gibt es jedoch nicht. Daher ist es aktuell nicht möglich, eine wissenschaftlich fundierte Aussage zu idealen Aktien-Strategien zu finden!

Instinkte und Daumenregeln

Diese Erkenntnis hat weitreichende Auswirkungen. Denn sie ermöglicht erst den ganzen unüberschaubaren Wildwuchs an Aktien-Strategien und Empfehlungen, wie man sich am besten am Aktienmarkt positionieren sollte. Denn wenn es keine wissenschaftliche Antwort gibt, muss man sich notgedrungen auf seinen Instinkt, Daumenregeln oder bestenfalls wissenschaftliche Teilergebnisse verlassen. Das ist der einerseits frustrierende, aber natürlich auch spannende Grund, warum niemand am Aktienmarkt über eine absolute Wahrheit verfügt. Frustrierend, weil jeder Versuch, aus den zu geringen Daten doch noch wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Denn solche Aussagen können immer nur unter dem Vorbehalt „sofern die zu geringen Daten zufällig doch ausreichend sein sollten“ getätigt werden. Man kann aus diesen aber eben keine belastbaren Prognosen für die Zukunft treffen.

Backtesting von Aktien-Strategien

Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Vom US-Aktienmarkt liegen detaillierte Daten sei 1870 vor. Das sind immerhin 150 Jahre. Auf Basis dieser Daten kann man verschiedene Aktien-Strategien prüfen, in der Art: „Welche Rendite hätte jemand erzielt, der in diesem Markt 150 Jahre lang Strategie XY verfolgt hätte?“ Das nennt man Backtesting. Solchen Arten von Analysen wurden natürlich bereits in Unmengen getätigt. Das Ergebnis sind dann wissenschaftlich korrekte Aussagen wie „Mit der Aktien-Strategie XY hätte ein Anleger in diesen 150 Jahren 8% Rendite pro Jahr erzielt“. Das ist schön. Aber für die Zukunft leider wertlos, denn die Betonung liegt auf „diesen 150 Jahren„, also von 1870 bis 2020. Von 1880 bis 2030 kann etwas ganz anderes gelten, und von 2020 bis 2170 erst recht. Und vor allem, was nützt mir eine Aussage zum Durchschnitt von 150 Jahren, wenn mein Anlagezeitraum nur 20 oder höchstens 40 Jahre sind?

Bleibt alles anders

Weiter veranschaulichen kann man sich das Problem, wenn man sich die Zinsentwicklung seit 2008 anschaut. Eine solche Phase der massiven Zinssenkungen bis in den negativen Bereich, der nun auch schon mehr als 10 Jahre andauert, hat es in den 140 Jahren vorher nicht gegeben. Damit wird es auch intuitiv verständlich, warum die 140 Jahre wenig Aussagekraft für die Zukunft haben: wir haben einfach noch nicht alle Marktsituationen gesehen, geschweige denn mit ausreichender Häufigkeit, um daraus statistisch belastbare Aussagen tätigen zu können.

Fazit: Es bleibt spannend! Da keine wissenschaftlichen Endergebnisse vorliegen, kann niemand sagen, welche Aktien-Strategien mit welcher Wahrscheinlichkeit in Zukunft zu den besten Ergebnissen führen. Erst recht nicht kann das Verhalten der Aktienmärkte für die nächsten Jahre konkret prognostiziert werden. Es kann buchstäblich alles passieren. Oder um es in Abwandlung des Sokrates zugeschriebenen Zitats zu sagen:

Wir wissen, dass wir nichts wissen.

Wer von diesem Ergebnis enttäuscht ist, hat immerhin die Möglichkeit, sich auf die Suche nach zumindest einleuchtenden, plausiblen Aktien-Strategien zu machen. Dazu mehr in den kommenden Artikeln.